Der Mann an der Haltestelle

Ich habe den älteren Mann wieder gesehen, der sich vor einigen Monaten an die Haltestelle zu mir gesetzt hatte. Er hatte wieder seinen Baumwollbeutel dabei. Weil er früh damit Brötchen holt. Er hat mich aber nicht wiedererkannt.

Er hatte mir gesagt, dass er niemanden hat. Gar niemanden, nur die Schwester im betreuten Wohnen, die nach ihm schaut. „Und kennen Sie sonst niemanden?“, hatte ich ihn gefragt. „Nein, niemanden.“

„Haben Sie denn keine Verwandten?“

„Nein, die sind alle tot.“ Er wirkte dabei gar nicht traurig. Er sagte es einfach so, so faktisch. Dann hat er mir zusammen gerechnet, was er jeden Monat für Ausgaben hat und dass er dabei immer auf sein Erspartes zurückgreifen muss, egal wie sehr er versucht, zu sparen. Er hatte seinen Schlüssel an einem Band um den Hals hängen und befühlte nachdenklich den Baumwollbeutel, den er für die Brötchen dabei hatte. Es war werktags, noch früh und es gab ganz leichten Nebel.

Wir unterhielten uns eine Weile. Dann verabschiedete er sich von mir und ging weiter, mit kleinen Schritten in Richtung Laden.

Erst dann merkte ich, dass er gar nicht Bahn fahren wollte, sondern sich einfach nur hatte unterhalten wollen. Er wollte auch kein Geld, darum ging es ihm nicht, das konnte man merken und ich sprach es auch nicht an. Einfach nur einige Worte.

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