Die Kirchturmuhr

Letztens fand ich mich unversehens in jenem Dorf in Sachsen-Anhalt wieder, indem ich viele Ferienwochen meiner Kindheit bei meiner Großmutter verbracht habe. Zwar ist die Zeit auch hier nicht stehen geblieben, wie man an vielen Orten sehen kann – den alten Konsum und den Bäcker gibt es nicht mehr, dafür aber ein Bäckerauto, das regelmäßig vorbeikommt und ein ausgezeichnetes Weingut – aber dennoch wohnt dem Ort noch jener Zauber inne, den ich von früher kannte: Der alte schmale Friedhofsweg am Feld entlang, die Chaussee hinaus zu den Kirschbäumen und Weinbergen, das alte Kopfsteinpflaster, welches jede Fahrradfahrt zu einem Abenteuer macht, die Schwalben, die sich in der Mittagsstille durch die sengende Hitze jagen. Und die alte Kirche, deren Uhr (mindestens) zur ganzen Stunde schlägt. Ihr Klang ist nicht besonders laut oder klangvoll, sondern eher leise, etwas fahl und zinnern, wie eine unauffällige Erinnerung, dass – wie gesagt – auch hier die Zeit vergeht. Wenn man durch den Ort geht, trifft man kaum eine Menschenseele.

Dorfkirche
Die alte Dorfkirche ist zum Glück noch in Betrieb. Zur Zeit der Aufnahme unter bewölktem Himmel. Ich habe sie oft anders gesehen, besonders in den Sommerferien.

Meine Oma erzählte mir einmal vor vielen Jahren eine Geschichte zu jener Uhr, die ich nie vergessen habe: Die Uhr war einmal kaputt gewesen und ein junger Mann aus dem Ort, der handwerklich begabt war, reparierte sie. Dann schlug sie wieder mit ihrem bezaubernden, zinnernen Klang.

Eines Tages (nicht lange danach) starb der junge Mann bei einem Arbeitsunfall in einer Fabrik: Meine Oma sagte, er war wohl schrecklicherweise in eine Maschine gekommen. Genau in jener Minute, als sein Herz stehen blieb, hörte auch die Uhr auf zu schlagen, stellte man später fest.

Mich hat diese Geschichte mit ehrfürchtigem Schauern erfüllt ob der Geheimnisse zwischen Himmel und Erde. Oder ist es am Ende ein solides Beispiel von Quantenphysik? Es würde mich fast enttäuschen.

Jedenfalls war meine Oma eine sehr bodenständige Frau, die nicht zu Phantastereien neigte, daher glaube ich diese Geschichte.

Inzwischen wurde die ganze Kirche saniert und auch die Uhr lässt sich schon lange wieder vernehmen.
Ich freue mich jedes Mal, wenn ich sie höre.


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